In Uruguay wächst die Wut auf „undankbare“ Syrer

Hohe Lebenshaltungskosten und wenig Jobs: Uruguay ist selbst kein reiches Land, aber einigen Flüchtlingen wollte es helfen. Doch die Syrer wollen am liebsten wieder weg. Aber da gibt es ein Problem.
  
Sie meinten es gut. Als Uruguay im vergangenen Jahr ankündigte, dass es fünf syrische Flüchtlingsfamilien aufnehmen werde, setzten sich die Einwohner von Juan Lacaze zusammen und beschlossen: Eine davon kommt zu uns. Dann, im November, begrüßte die Kleinstadt mit ihren vielen Fischern und Papierfabrikarbeitern Merhi Alschebli, seine Frau und 15 Kinder mit Essen und Samen für die Gemüsezucht.

Nicht alle syrischen Flüchtlinge sind mit den Bedingungen in ihren Gastgeberländern zufrieden
in Uruguay wird über hohe Lebenshaltungskosten und fehlende Jobs geklagt – Foto: REUTERS/X01386

Aber jetzt, Monate später, macht sich unter den Einwohnern und anderswo Zorn breit. Nach anhaltenden Klagen der syrischen Neuankömmlinge über ihre Lebensbedingungen und Forderungen, in ein anderes Land geschickt zu werden, halten viele die Flüchtlinge für rüde, undankbare Gäste. So schockierte der 51-jährige Alschebli kürzlich die Gemeinde, als er sich aus Protest mit Benzin übergoss – was nur noch den Eindruck bei den Uruguayern verstärkte, dass ihre Geste der Hilfsbereitschaft irgendwie schiefgelaufen ist. Und das nun schon zum zweiten Mal.

Auch sechs frühere Insassen des US-Gefangenenlagers Guantánamo Bay, die das Land aufgenommen hat, haben sich über ihre Lebensverhältnisse beschwert. Wie die syrischen Flüchtlinge sagen sie, dass das Leben in Uruguay zu teuer sei und die Behörden nicht genug täten, um sie zu unterstützen. „Ich bin empört“, sagt Monica Benitez, die in einem Schuhladen der Küstenstadt arbeitet, über das Verhalten der Flüchtlinge. „Was sie tun, ist beleidigend.“

Zu wenig Geld zum Leben

Die Hauptklage der Syrer ist, dass sie nicht genügend Geld zum Leben hätten, obwohl die Regierung für ihre Unterkünfte aufkommt und jeder der aufgenommenen Familien monatlich einen bestimmten Betrag zahlt. Wie viel, darüber schweigen sich beide Seiten aus. „Ich mag Uruguay. Meine jüngeren Kinder gehen alle hier zur Schule“, sagt Alschebli in seiner sparsam möblierten Wohnung mit mehreren Zimmern am Rande von Juan Lacaze. „Aber das Essen ist sehr teuer. Wie kann ich 15 Kinder ernähren?“

Er zeigte der Nachrichtenagentur AP eine Stromrechnung, umgerechnet 420 Euro für zwei Wintermonate. Jeder in der Familie, der es könne, gehe einer Arbeit nach. So verkaufe etwa seine 19-jährige Tochter Nada arabische Gerichte und sei auch in einer Einrichtung für betreutes Wohnen tätig gewesen, aber sie habe für knapp einen Monat nur 60 Euro Gehalt bekommen. Alschebli beklagt auch, dass die Regierung ihm außer dem Gemüsegarten, den die Familie angelegt habe, keine Landwirtschaft erlaube. „Keine Schafe. Keine Kühe. Kein Land“, sagt der Familienvater.

Die Regierung habe die kulturellen Unterschiede zwischen Uruguay und der Heimat der Flüchtlinge unterschätzt und nicht berücksichtigt, dass viele der Syrer nur über begrenzte berufliche Fertigkeiten verfügten, sagt Politanalyst Daniel Chasquetti. „Und es ist auch nicht gerade so, dass Uruguay von Arbeitsangeboten strotzen würde.“

Gehälter liegen bei 440 Euro im Monat

Die Wirtschaft des Landes mit ihren 3,3 Millionen Einwohnern stützt sich hauptsächlich auf landwirtschaftliche und textile Exporte, und etwa 40 Prozent der Arbeiter verdienen etwa 440 Euro im Monat. Im August versuchte eine der syrischen Familien nach Serbien zu reisen, wurde dann aber 23 Tage auf dem Istanbuler Flughafen festgehalten, weil sie nicht die nötigen Dokumente vorzeigen konnte. Sie kehrte am Ende nach Uruguay zurück.

Die Flüchtlinge besitzen keine syrischen Pässe und können keine uruguayischen erhalten, weil sie keine Staatsangehörigen sind. Die Regierung hat ihnen Personalausweise ausgestellt, die aber in vielen Fällen für die Einreise in andere Länder nicht ausreichen.

Die Frustration der Syrer wurde so stark, dass sie im September mehrere Tage lang vor dem Präsidentensitz dafür demonstrierten, in ein anderes Land geschickt zu werden. Alschebli selbst übergoss sich am 6. Oktober im Beisein von Vertretern der uruguayischen Menschenrechtsbehörde mit Benzin – nachdem man ihm gesagt hatte, dass Uruguay nicht die Befugnis habe, ihm ein Visum für ein anderes Land auszustellen.

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