Der Mord an Elisabeth Käsemann in Argentinien und das Versagen des Auswärtigen Amtes

Warum rettete die Bundesrepublik Deutschland nicht ihre Bürger aus den Folterlagern in Argentinien? Welche Rolle spielte dabei die Botschaft Bonns?

Während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 in Argentinien wurden über 30.000 Menschen entführt, ermordet und in zum Teil bis heute geheimen Massengräbern „entsorgt“. Die blutige Auseinandersetzung, in den Augen argentinischer Militärs ein „Schmutziger Krieg“ im Kampf gegen den Kommunismus, der „Argentinien und die Länder Südamerikas in Satelliten Russlands verwandeln sollte“1, richtete sich gegen Guerilla–Gruppen, Peronisten, Gewerkschafter, Intellektuelle, Geistliche und vermutliche linke Opposition. Bezeichnend hoch war der Anteil von Juden unter den Opfern. Das betraf auch etwa 100 Deutsche und Deutschstämmige, darunter Kinder deutscher Juden, denen die Faschisten die Staatsangehörigkeit aberkannt hatten.

 

Elisabeth Käsemann (1947‒1977)
Elisabeth Käsemann (1947‒1977) QUELLE: ELISABETH-KAESEMANN-STIFTUNG.COM

Elisabeth Käsemann2 wurde vor 40 Jahren in der Nacht des 8. März 1977 in Buenos Aires in das Folterlager „El Vesubio“ des argentinischen Heeres verschleppt und galt als „Desaparecida“( Verschwundene). Sie wurde wochenlang gefoltert und von den Militärs am 24. Mai mit vier Schüssen aus kurzer Entfernung in den Rücken und ins Genick ermordet.

Am 10. März, einen Tag nach der Entführung von Elisabeth Käsemann, wurde die enge Freundin der Deutschen, die britische Studentin der Theologie, Diana Austin, verhaftet und in das Folterlager gebracht, in dem sich schon Käsemann befand. Nach Intervention der britischen Regierung wurde Austin am nächsten Tag freigelassen.

Warum rettete die Bundesrepublik Deutschland nicht ihre Bürger aus den Folterlagern in Argentinien? Welche Rolle spielte dabei die Botschaft Bonns?

Botschafter Jörg Kastl unterhielt neben dem regelmäßigen Tennisspiel mit Junta-Mitglied Admiral Emilio Massera engste Kontakte zum Militärregime und den Geheimdiensten. Er war präzise in die Putschpläne eingeweiht und informierte darüber das Auswärtige Amt. Kastl empfahl vor dem Putsch den argentinischen Militärs, auf große Gefangenenlager wie das Stadion beim chilenischen Putsch in Santiago 19733 zu verzichten, um die Aufmerksamkeit der Massenmedien zu vermeiden. Die argentinischen Militärs errichteten dann über 600 geheime Folterlager.

Am 22. März wurde das Auswärtige Amt durch Amnesty International über die Verhaftung von Käsemann informiert. Wann Botschafter Kastl Kenntnis von der Entführung erhielt, ist unklar. Ihr Vater, der Tübinger Theologieprofessor Ernst Käsemann, sandte jedoch noch im März ein Hilfegesuch an die Botschaft. Die Botschaften der BRD sind nach dem Grundgesetz und entsprechenden Gesetzen zum Schutz der Bürger des Landes verpflichtet.

Entscheidend für das unzureichende Tätigwerden ist wahrscheinlich die Einschätzung von Kastl, dass Käsemann eine Linksextremistin ähnlich der RAF4 sei. Noch im Alter von 90 Jahren äußerte er im Jahre 2014: “Die wäre auch bereit gewesen, Bomben zu werfen“5. Von Seiten der Botschaft rechtfertigte man den Terror der Militärs als Folge der Ausnahmesituation Argentiniens. Kastl und sein Nachfolger, Botschafter Joachim Jaenicke, waren verantwortlich für einen unzureichenden Schutz von Bürgern der BRD.

Von Dr. Winfried Hansch
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