Rios Angst vor den „einsamen Wölfen“

Die Anschläge in Orlando und Nizza haben die Organisatoren der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro aufgeschreckt. Terrorverdächtige sollen in Brasilien untertauchen. Doch wie ernst ist die Bedrohung?

Und plötzlich fehlt von Abu Wa’el Dijab jede Spur. Der Syrer ist untergetaucht. So vermelden es südamerikanische Zeitungen. Möglicherweise habe er sich nach Brasilien abgesetzt.

Die Nachricht genügte, um vor ein paar Wochen die Büros der brasilianischen Fluglinien in São Paulo in Aufregung zu versetzen und zum Checken der Passagierlisten zu veranlassen. Denn bei dem vermissten syrischen Staatsbürger handelt es sich um einen jener sechs ehemaligen Häftlinge aus dem Antiterrorgefängnis in Guantánamo, die vor rund zwei Jahren in Uruguay eine neue Heimat fanden.

Eine Eliteeinheit der Polizei trainiert die Abwehr von Attacken für die Olympischen
Spiele im Olympiastadion von Rio de Janeiro Foto: AFP/Getty Images

Ein Deal zwischen US-Präsident Barack Obama und dem ehemaligen Staatschef des südamerikanischen Landes, Pepe Mujica, machte das möglich. Uruguay war eines der wenigen Länder, die bereit waren, die Häftlinge aufzunehmen. Anwälte der Terrorverdächtigen beteuerten deren Unschuld, und für Dijab begann in Uruguay ein neues Leben.

Terrorverdächtiger soll in Brasilien sein

Zwar sieht die Mehrzahl der Uruguayer die Aufnahmeaktion spätestens seit dem Zeitpunkt kritisch, als einige der Ex-Häftlinge wegen häuslicher Gewalt gegen ihre Frauen in die Schlagzeilen gerieten und sich zudem öffentlich über die Lebensbedingungen im Gastgeberland beklagten. Doch so richtig verunsichert war die uruguayische Öffentlichkeit erst, als Dijab plötzlich und unvermittelt von der Bildfläche verschwand.

Vor allem im Gastgeberland der Olympischen Spiele (5. bis 21. August) sorgte das Gerücht, Dijab habe sich über die Grenze nach Brasilien abgesetzt, für hektische Betriebsamkeit der Grenzbehörden. Doch der Mann blieb wie vom Erdboden verschluckt, denn auch sein Mobiltelefon strahlte keinerlei Sendesignale mehr aus.

Nur Ex-Präsident Mujica mahnte in Uruguay zur Besonnenheit. Gegen den Mann läge nichts vor, er wolle ein neues Leben beginnen, und dazu zähle nun auch einmal die Reisefreiheit. „Wir sind kein Gefängnis“, so Mujica.

Dijabs Anwalt: Verdächtiger nimmt eine Auszeit

Inzwischen meldete sich Dijabs Anwalt zu Wort. Jon B. Eisenberg erklärte, sein Mandant habe sich im Fastenmonat Ramadan in den Norden des Landes abgemeldet und angekündigt, er sei für vier Wochen auch telefonisch nicht zu erreichen. Außerdem freue er sich, bald seine Familie wiederzusehen.

Allerdings muss auch Eisenberg nach dem Ramadan nun zugeben: „Ich habe keine Idee, wo er im Moment ist.“ Aber alle Ankündigungen Dijabs deuteten nicht darauf hin, dass er auf der Flucht und eine internationale Jagd gerechtfertigt sei.

Totale Zurückgezogenheit reicht offenbar, die uruguayischen, brasilianischen und US-amerikanischen Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen. Und sie offenbart auch, wie schnell ein Mensch vom Radar verschwinden kann, wenn er es denn nur will.

Nerven in der Region liegen blank

Die kleine Episode zeigt auch, wie sehr die Nerven auch in jener Region der Welt inzwischen blank liegen, die bislang von islamistischen Terror unbehelligt geblieben ist. Brasiliens Sicherheitskräfte bemühen sich, vor den Olympischen Spielen ein Bild abzugeben, das Kontrolle und Souveränität vermittelt. Inzwischen prägen schwer bewaffnete Sicherheitskräfte das Stadtbild von Rio de Janeiro. Jüngst probten einige Spezialeinheiten am Fuße des Zuckerhuts. Die starken TV-Bilder sollen Eindruck machen.

Doch in der Sicherheitsstatik der Spiele kracht und ächzt es schon seit Monaten. Das liegt auch an der finanziellen Situation des Bundesstaates Rio de Janeiro. Der zahlt seinen Angestellten seit Monaten keine Gehälter mehr aus, und spätestens seit der Gouverneur von Rio de Janeiro den finanziellen Notstand ausrief, sind auch die Olympiamanager alarmiert. Polizisten, die auf ihr Gehalt warten – ein sicherheitspolitischer Albtraum für eine der größten Sportveranstaltungen der Welt.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat bislang einen weiten Bogen um Lateinamerika gemacht. Das liegt einerseits daran, dass der Kontinent in seiner großen Breite überwiegend christlich geprägt ist und Muslime eine verschwindend kleine Minderheit bilden. Zudem waren die Aktionen radikaler Islamisten in dieser Region bislang kein Thema.

Von Tobias Käufer

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