Wie schlimm ist Venezuelas Krise?

Versinkt Venezuela in einem alptraumhaften Szenario, wie es internationale Medienberichte suggerieren?

Laut der New York Times ist Venezuela „ein Land im totalen Zusammenbruch“: die Regierungsbüros geschlossen, der Hunger weit verbreitetet und die disfunktionalen Krankenhäuser gleichen der „Hölle auf Erden“. Berichtet wird dass „oftmals geringer Verkehr in Caracas herrscht, denn nur sehr wenige Menschen gehen raus, da es ihnen an Geld oder Arbeit mangelt.“ Die Washington Post, die wiederholt zu ausländischen Interventionen in Venezuela aufgerufen hat, beschreibt das Land in einer ähnlichen, manchmal identischen, Sprache des „Zusammenbruchs“, der „Katastrophe“, als „vollkommenes Desaster“ und als „gescheiterten Staat.“ Ein kürzlich erschienener Post Artikel berichtet über einen „leeren McDonalds, ohne Kunden, denn durch die galoppierende Inflation kostet ein Happy Meal nun ein Drittel eines durchschnittlichen Monatslohns.“ NPR meldet: „Venezuela geht das Bier während schwerer Wirtschaftskrise aus“. Als Coca-Cola ankündigte, die Produktion Mangels Zucker zu stoppen, nannte Forbes Venezuela „das Land ohne Coke.“ Das Wall Street Journal berichtet über Ängste, dass Menschen bald „an Hunger sterben“ würden.

Menschen stehen vor einem staatlichen Supermarkt der Bicentenario-Kette in Carora
an (4. Juni 2016) – QUELLE: GABRIEL HETLAND


Versinkt Venezuela in einem alptraumhaften Szenario, wie es diese Berichte suggerieren? Um diese Frage zu beantworten, habe ich die letzten drei Wochen damit verbracht, mit dutzenden von Menschen zu sprechen – mit Reichen und Armen, Chavistas und Oppositionellen, in Stadt und Land – quer durchs Land. Meine Untersuchung lässt wenig Zweifel daran, dass sich Venezuela in einer schweren Krise befindet. Die Inflation ist dreistellig, grundlegende Güter sind knapp, veränderte Konsumgewohnheiten lassen sich allerorts beobachten und die soziale und politische Unzufriedenheit wächst. Trotzdem stellen die Mainstream-Medien das Ausmaß der Krise verzerrt und übertrieben dar. Sie ist real und soll keinesfalls heruntergespielt werden, aber Venezuela befindet sich nicht in einem Zustand eines verheerenden Zusammenbruchs.

Berichte die etwas anderes behaupten sind nicht nur falsch sondern auch gefährlich, da sie den Boden für ausländische Interventionen bereiten. Diese Woche hält der Ständige Rat der Organisation amerikanischen Staaten eine Dringlichkeitssitzung ab um über den Appell des OAS-Generalsekretärs Luis Almagro zu beraten, Sanktionen gegen Venezuela auf Basis der Interamerikanischen Demokratie-Charta zu erlassen. Dieser Mechanismus wird gegenüber Ländern angewandt, in denen eine „verfassungswidrige Änderung der verfassungmäßigen Regierung, die die demokratische Ordnung in einem Mitgliedstaat ernsthaft beeinträchtigt“ festgestellt wird und kann zur Suspendierung aus der OAS führen1. Die venezolanische Regierung, die trotz einiger Verzögerungen Schritte zugelassen hat, die ein Abwahlreferendum gegen Präsident Nicolás Maduro nach sich ziehen können, wehrt sich mit Nachdruck gegen diese Vorwürfe; abgelehnt werden diese auch von vielen OAS-Mitgliedsstaaten. Erwähnenswert ist, dass sich die OAS im Falle Brasiliens nicht auf die Demokratie-Charta berufen hat, obgleich viele OAS-Mitgliedsstaaten und prominente lateinamerikanische Beobachter den dortigen Regierungswechsel als Putsch betrachten.

Die Straßen von Caracas sind voller Menschen, die Metro fährt und die kostenlosen öffentlichen Gesundheitszentren funktionieren normal.

Apocalypse Now?

Innerhalb weniger Tage nach meiner Ankunft wurde klar, dass das Leben in Caracas weit von der Normalität entfernt ist. Viele leiden unter der Krise, klar übertrieben sind jedoch die Bilder der Mainstream-Medien von einem Land in völliger Unordnung. Die Straßen und Autobahnen von Caracas sind alles andere als leer; sie weisen den gleichen dichten Auto- und Fußgängerverkehr auf, wie man ihn in anderen großen lateinamerikanischen Städten findet. Die Metro ist wie eh und je überfüllt. Im wohlhabenden Viertel Las Mercedes sind die Restaurants brechend voll und das seit Wochen, wie Freunde aus der Nachbarschaft bestätigen. In den gut gefüllten Regalen der privaten Supermärkte in Las Mercedes und ähnlichen Vierteln gibt es reichlich Huhn, Käse und frische Produkte. Der einen Block entfernte Wendy’s2 war fast immer voll, wenn ich daran vorbeiging und selbst an einem regnerischen Sonntagabend riss der stetige Strom von Kunden nicht ab. Bier ist nicht verschwunden (und wird zumindest für den Rest dieses Jahres erhältlich sein). Und ich hatte sogar einige Coca-Cola Sichtungen.

Es gibt noch weitere Anzeichen dafür, dass sich Venezuela nicht „in einem Zustand des totalen Zusammenbruchs“ befindet. Niemand, mit dem ich gesprochen habe, hatte etwas positives über die öffentlichen Krankenhäuser zu sagen; sie werden als korrupt und unterbesetzt betrachtet, es herrsche Mangel an medizinischen Materialien, da das Krankenhauspersonal diese angeblich stehlen und weiterverkaufen würde. Gehört habe ich allerdings reichlich Lob und maßvolle Kritik über die kostenlosen öffentlichen Gesundheitszentren (Centro Diagnóstico Integral oder CDIs) und Physiotherapiezentren (Salas de Rehabilitación Integral oder SRIs), die es in Caracas und in den Städten im Inland gibt. Mehrere Anhänger der Opposition von Petare, einem der größten Barrios Lateinamerikas, erzählten mir von dem CDI das sie nutzen und „das einen wirklich guten Service bietet.“ Ich besuchte ein blitzsauberes SRI in Carora, einer 100.000 Einwohner-Stadt im zentral- westlichen Bundesstaat Lara. Täglich behandelt werden 80-100 Patienten in dem Zentrum (eines von vieren in der Stadt, von denen alle geöffnet sind), alle Geräte dort seien in Ordnung. Ramón Suárez, stellvertretendes Mitglied des Parlaments von Lara der regierenden Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV), wurde dort fast täglich behandelt, nachdem er sich im Dezember eine Handverletzung zugezogen hatte. Er sagte mir: „Ohne die SRI hätte ich mich nicht erholt“, denn 3.000 – 4.000 Bolivares (Bfs) hätte jede einzelne Behandlung in einer Privatklinik gekostet. Von Suárez Gehalt von 80.000 Bolivares wäre dabei fast nichts übrig geblieben, auch wenn sein Einkommen fast dem Dreifachen des Mindestlohns (circa 15.000 Bolivares im Monat plus 18.000 Bolivares in Essensgutscheinen) entspricht.

Widerlegen lässt sich die Behauptung der Times, dass „große Gebiete des Landes monatelang mit wenig Strom auskommen mussten“. Im April hat die Regierung eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet um eine Stromkrise zu bekämpfen, die durch Venezuelas schlimmste Dürre in 47 Jahren und die extrem niedrigen Strompreise entstanden war, mit denen das Land den höchste Pro-Kopf-Stromverbrauch der Region hat. Etwa 70 Prozent des venezolanischen Stroms werden im Guri-Stauseee erzeugt. Um den Wasserspiegel des Stausees wiederherzustellen, schloss Maduros Regierung ausgewählte Regierungsbüros für einen, später für drei Tage in der Woche, Schulen blieben Freitags geschlossen; rationiert wurde die Elektrizität außerhalb von Caracas in den meisten Teilen des Landes. Wie in der vergangenen Woche sind Regierungsstellen wieder an fünf Tagen in der Woche erreichbar, wenn auch während reduzierter Öffnungszeiten (08.00 bis 13.00). Schulen sind Freitags wieder geöffnet. In den Staaten im Landesinneren besteht die Rationierung nach einem Rotationsverfahren weiterhin, in diesen Gegenden steht Strom für 21 Stunden am Tag zur Verfügung. Diese Regelung bleibt während der Woche weiter bestehen, aufgehoben wurde sie bereits für die Wochenenden, bald soll die Rationierung ganz beendet werden. Nach Regierungsangaben waren diese Anpassungen (welche Venezuela, bezüglich der Stromversorgung, zurück in einen Zustand der Semi-Normalität bringen) möglich, da die erfolgreiche Rationierung und die jüngsten Regenfälle dafür gesorgt haben, dass sich der Wasserspiegel im Guri-Stausee normalisieren konnte.

Von Gabriel Hetland
Übersetzung: Maren Krätzschmar
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