Olympische Spiele in Brasilien: Die Skepsis überwiegt

Vertreter von NGOs und politischen Parteien bezweifeln sozialpolitischen Nutzen und verweisen auf hohe Gewaltrate. Debatte auch um Folgen des Dopings

Berlin/Rio de Janeiro. Brasilien-Experten, Menschenrechtsaktivisten und Vertreter politischer Parteien haben sich zurückhaltend zu den sozialpolitischen Folgen der Olympischen Spiele im brasilianischen Rio de Janeiro geäußert. Amerika21 hat im Bundestag und bei Fachorganisationen nachgefragt.

Dächer einer Favela in Rio de Janeiro, Brasilien
QUELLE: PAULA LE DIEU


Nach Ansicht von Julia Jaroschewski ist die Euphorie der brasilianischen Bevölkerung bei den Olympischen Spielen 2016 noch gedämpfter als bei der Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft der Männer im vergangenen Jahr. „Laut einer aktuellen Studie glauben 60 Prozent der Brasilianer, dass die Olympischen Spiele Brasilien mehr schaden als nutzen“, sagte die Journalistin und Betreiberin der Seite favelawatchblog.com. Während Milliarden in die Megaevents fließen, fehle das Geld in wichtigen Bereichen wie der Gesundheitsversorgung oder der Bildung. Diese Schieflage habe sich durch die wirtschaftliche und politische Krise noch verstärkt.
 „Für viele Brasilianer ist die Olympische Fackel, ein Symbol für Geldverschwendung und falsche Prioriäten“, so Jaroschewski weiter. In den Favelas des Complexo do Alemão hätten Aktivisten eine Demonstration mit einer schwarzen Fackel organisiert, um auf die Gewalt hinzuweisen. 
Die Großereignisse hätten in den Favelas als Katalysator für sinnvolle Projekte wie den Bau von Sportzentren oder Bibliotheken gewirkt, aber zentrale Probleme wie eine Abwasserversorgung wurden bis heute nicht gelöst.

Auch die brasilianische Aktivistin Julia Bustamante äußert sich zurückhaltend. „Die Menschen erleben die Veränderungen in der Stadt, ohne dabei wirklich den ‚Olympischen Geist‘ zu spüren“, sagte sie in einem Interview für den Blog olympia2016.noblogs.org. Die Auswirkungen seien bereits jetzt steigende Preise, mehr Verkehr und eine Zunahme der Gewalt. „Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen. Zahlreiche Favelas werden militärisch besetzt gehalten. Es gibt Räumungen, wie zum Beispiel im Fall der Vila Autódromo. Auch die finanzielle Krise des Bundesstaates hat direkte Auswirkungen auf die Menschen, insbesondere auf Lehrer und Angestellte des öffentlichen Gesundheitssystems“, so Bustamante. Viele Universitäten seien seit Monaten geschlossen, weil kein Geld da ist.

„In Rio sind seit 2008 Unidades de Pacificadoras (Befriedungseinheiten) in 60 von 900 Favelas eingeführt worden“, stellt Mathias Fernsebner in einem Newsletter zum Thema von Brot für die Welt, dem Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen in Deutschland, fest. Dahinter stehe das Sicherheits- und Friedenskonzept der Bewerbungen für Megaevents  wie die Fußball-Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele: Neuausgebildete, junge und nicht korrupte Polizisten sollten in den Gemeinden für Ruhe sorgen. „Aber bislang überwiegt die Gewalt: die Polizei hat zwischen 2009 und 2013 in Sondereinsätzen 11.200 Menschen umgebracht und auch junge Polizisten starben, 2015 waren es 16. Sozialprojekte sind ausgeblieben.“

Von Harald Neuber, Anne Reiff
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