Montevideo: Leben für den Tango

Bei Tango denken viele sofort an Buenos Aires. Dabei hat die Musik in der Hauptstadt Uruguays ihre Wurzeln. Behaupten zumindest die Einheimischen. Eine Spurensuche.

Von Tom Noga
Die Stadt, die er geliebt hat wie keine andere und die ihn vereinnahmt wie niemanden sonst – sie verschwindet langsam am Horizont. Noch sind sie schemenhaft zu erkennen, die Hochhaustürme am Hafen, hinter denen sich Palermo Viejo verbirgt, die Altstadt mit ihren Tango-Bars. Kaum eine, in der nicht dieses Schild hängt, mit der Inschrift: „Porteños como Carlitos“. Porteños, so nennen sich die Menschen in Buenos Aires. Und Carlitos, das ist Carlos Gardel.

 

Uruguay Uruguay Tanz ins Neue Jahr: In der Hauptstadt Uruguays lieben viele Menschen den Tango
Uruguay Uruguay Tanz ins Neue Jahr: In der Hauptstadt Uruguays lieben viele Menschen den Tango. (Foto: Dagmar Schwelle/laif)

„Porteños como Carlitos“ – ganz richtig ist das nicht. Denn ein Porteño war der Mann, der den Tango Canción, den gesungenen Tango, berühmt gemacht hat, eben nicht. Aber damit hören die Gewissheiten über Carlos Gardel auch schon auf. Deshalb geht es mit der Fähre über den Río de la Plata, die Mündung von Río Paraná und Río Uruguay, die eher Meeresbucht ist als Flussdelta. Hinüber nach Montevideo, die Hauptstadt Uruguays. Auf den Spuren von Carlos Gardel und des Tangos.

Uruguay wurde von Menschen aus Galicien besiedelt. Die gelten als besonnen und gelassen
Im Hafen wartet Ramón Larossa, ein kleiner Mann mit weißen Haaren, Schnurrbart und der aufrechten Haltung eines Tänzers. Dass sich die Fähre nahezu geräuschlos leert, jedenfalls ohne die in Buenos Aires üblichen Begrüßungsdramen, das erstaunt ihn nicht: „Uruguay wurde von Menschen aus Galicien besiedelt. Die gelten als ruhig und gelassen, das haben wir wohl von ihnen geerbt. Bei uns geht es beschaulich zu, wir sind nicht laut, wir sprechen mit gedämpfter Stimme. Drüben in Buenos Aires schlägt das heiße italienische Blut durch. Dort ist es molto vivace – sehr lebhaft.“

Ramón schlendert vom Hafen Richtung Altstadt. Er ist ein Tanguero im doppelten Sinn: einerseits seit seiner Jugend ein leidenschaftlicher Tänzer, andererseits kennt sich kaum jemand in Uruguay besser in der Geschichte dieser Musik aus. Dass der Tango sich in Buenos Aires entwickelt hat, ist für Ramón Larossa nur eine Legende. In Wahrheit sei es hier geschehen: in der Altstadt von Montevideo, dem ehemaligen Hafenviertel. „Sogar der berühmte argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges hat das zugegeben. Er hat geschrieben, dass der Tango in den Spelunken im Hafenviertel Montevideos entstanden ist.“

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