Brief von „Pepe“ Mujica an Luis Almagro zur Krise in Venezuela

Uruguays Ex-Präsident Mujica veröffentlicht seinen Abschiedsbrief an OAS-Generalsekretär Almagro

Der uruguayische Ex-Präsident und amtierende Senator José „Pepe“ Mujica hat sich Ende vergangener Woche entschlossen, einen Brief an seinen früheren Außenminister und aktuellen Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, zu veröffentlichen. Anstoß war dessen Haltung in der Venezuela-Krise und seine kürzliche Initiative, die sogenannte Demokratiecharta gegen Venezuela anzuwenden, was Strafmaßnahmen zur Folge haben kann. Nach Meinung von Mujica ist dies für einen Dialog von Regierung und Opposition nur schädlich.

Luis Almagro (links im Bild) war von 2010 bis 2015 Außenminister des damaligen
Präsidenten Mujica – QUELLE: DIARIOREPUBLICA.COM


Den Brief verfasste er am 18. November 2015, nachdem Almagro einen offenen Brief an die Präsidentin des venezolanischen Nationalen Wahlrates, Tibisay Lucena, veröffentlichte. Darin hatte der OAS-Generalsekretär die angebliche „Beschneidung der Meinungsfreiheit“ sowie weitere erhebliche Nachteile kritisiert, die die Opposition bezüglich der im Dezember anstehenden Parlamentswahlen erleiden müsse.

Von Mujica an Almagro:

Luis:

Du weißt, ich habe dich immer unterstützt und gefördert. Du weißt, dass ich deiner Kandidatur für die OAS aus taktischen Gründen den Rücken stärkte. Ich bedauere, dass die Ereignisse mir mehrmals zeigten, dass ich mich getäuscht habe. Ich kann dein Schweigen zu Haiti, Guatemala und Asunción nicht begreifen1, und im gleichen Augenblick veröffentlichst du einen Brief zu Venezuela.

Ich verstehe, dass du, ohne es mir zu sagen, „Tschüss“ zu mir gesagt hast.

Als ich dich bat, du mögest dich nicht an der konfliktgeladenen Grenze von Venezuela und Kolumbien einfinden2, war das nicht aus einer Laune heraus, noch weniger ging es darum, die Realität nicht sehen zu wollen. Meine Sorge gilt nicht dem, wie die Pressemedien oder die Politiker uns sehen oder verstehen. Nein, mir geht es vor allem darum, wie man etwas zu Gunsten der großen Mehrheit der Venezolaner einbringt. Das ist die gleiche Haltung wie im Konflikt USA-Kuba oder zum Frieden in Kolumbien. Das Zentrale ist nicht, wie sie uns sehen, sondern nützlich für die Mehrheit der betroffenen Menschen zu sein oder nicht. Ich denke, man muss in einem bestimmten Moment als Vermittler dienen, damit Venezuela als Ganzes mit Vertrauenswürdigkeit seine Selbstbestimmung ausübt, und wir sollten uns von diesem Kurs nicht abbringen lassen. Wir alle wissen, dass Venezuela die Ölreserve der kommenden 300 Jahre ist. Dort wuzelt sein Reichtum und sein Unglück, weil die USA nach Öl süchtig sind und ihre Interessen Druck ausüben, und wie. Auch dies machte die soziologische Deformation möglich, sich daran zu gewöhnen vom Ertrag des Öl zu leben und dabei zu enden das Elementare zu importieren, den Großteil des Essens.

Die bolivarische Revolution konnte dieser Realität nicht mit Voluntarismus entkommen, obwohl sie Ressourcen und Reserven zu Gunsten der ewig Übergangenen ausschüttete. In Vielem waren es Jahre zu Gunsten der sozialen Gerechtigkeit. Man hat es nicht geschafft, die Abhängigkeit vom Öl und den Lebensmittelimporten zurückzudrängen, und mit dem Preisverfall erleidet man heute eine Menge Spannungen, die sogar die Demokratie beinträchtigen.

Venezuela benötigt inneren Frieden, das heißt an erster Stelle Zusammenleben, und dafür sollten wir arbeiten. Es braucht nicht die Idee des Sozialismus zur Verstaatlichung zurückzunehmen und muss die Konjunktur der NEP (Neue Politische Ökonomie) für seine Wirtschaft und seine monetären Unausgewogenheiten präzisieren. Dies scheint unerlässlich, um Verteilung, Stabilität und Demokratie zu lebensfähig zu machen.

Venezuela braucht uns als Maurer und nicht als Richter. Der Druck von außen führt nur zu Paranoia und das trägt nicht zu den internen Bedingungen dieser Gesellschaft bei.

Ich wiederhole: Die wahre Solidarität ist, dazu beizutragen, dass sich die Venezolaner ihre Differenzen respektierend selbstbestimmen können, was aber ein Klima voraussetzt, das dies ermöglicht.

Es ist heute sehr schwierig, aber jede andere Alternative kann tragische Folgen für die reale Demokratie haben.

Ich bedauere den Weg, den du eingeschlagen hast und dies weiß ich unumstößlich, weshalb ich dir jetzt formell Tschüss sage und mich verabschiede.

„Pepe“

José Mujica
Übersetzung: Denis Mainka
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